2010 bis 2014

04. November 2014

Prof. Dr. Wolfgang Schenkel, Universität Tübingen

"Die Farben aus der Sicht der Alten Ägypter"

Abstract: Wie im Deutschen gibt es im Ägyptischen allgemeine Farbwörter (Basic Color Terms) und spezielle Farbwörter (non-Basic Color Terms). Mit allgemeinen Farbwörtern wie z.B. „rot”, „orange”, „gelb”, „grün” usw. kann man die Farbe beliebiger Objekte beschreiben, mit speziellen Farbwörtern beschreibt man dagegen normalerweise nur die Farbe weniger Objekte, z.B. im Deutschen mit „blond”, die Farbe von Haar, Bier und Zigarren. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Deutsch und Ägyptisch liegt daran, dass das Ägyptische sehr viel weniger allgemeine Farbwörter besitzt als das Deutsche. Zu allen Zeiten gibt es vier allgemeine Farbwörter: „schwarz/dunkel”, „weiß/hell”; „rot/gelb” mit dem Fokus in „rot”, „grün-blau” mit dem Fokus in „grün”. Aus „rot” wird in späterer Zeit ein „hellrot” ausgegliedert. „Blau” kann behelfsweise als ein „großes/starkes, dunkles Grün” vom allgemeinen „Grün” abgehoben werden. Als spezielle Farbwörter sind einzuschätzen: im „Schwarz”-Bereich „holzkohlenartig/tiefschwarz”, im „Rot”-Bereich z.B. „karneolartig”, im „Gelb”-Bereich „goldartig, golden” und „weißgoldartig, gelb”, im Blaubereich „lapislazuliartig, blau”. Bei speziellen Farbwörtern spielt fallweise die Kostbarkeit der Materialien, auf die sie sich beziehen, eine Rolle, namentlich bei „blau”, das vor allem bei der Charakterisierung nicht-realweltlicher Objekte verwendet wird.

08. Juli 2014

Ao. Univ.-Prof. Dr. Peter-Christian Jánosi (Universität Wien)

"Schön ist die Pyramide des Isesi" - Neue Forschungen in der fast vergessenen Pyramidenanlage des Königs Djedkare-Isesi

Abstract: Der Grabkomplex des vorletzten Herrschers der 5. Dynastie, des Königs Djedkare-Isesi (2414-2375 v. Chr.), zählt zu den „vergessenen” Pyramidenanlagen des Alten Reichs. Obwohl der Baukomplex bereits im Altertum zerstört war und als Steinbruch ausgebeutet wurde, ist sein Erhaltungszustand als einer der besten der 5. und 6. Dynastie einzustufen. Dennoch ist die Anlage so gut wie unbekannt. Erst 1945 gelang es Alexandre Varille und Abdel Salam Hussein die Zuordnung des Pyramidenbezirks an Djedkare-Isesi korrekt vorzunehmen. Ihre Grabungsergebnisse wie auch die großflächige Freilegung der Anlage blieben bedauerlicherweise unpubliziert. Vito Maragioglio und Celeste Rinaldi konnten zumindest die noch freigelegten Teile in ihrem Monumentalwerk „L`Architettura” (Band 8, 1977) berücksichtigen. Spätere kurzfristige Untersuchungen am Bauwerk verliefen allesamt ohne Veröffentlichungen im Sand. 2013 begann die Ägyptische Altertümerverwaltung mit der Aufnahme des Grabbezirks, die die erhaltenen Baureste wie auch die in den Magazinen gelagerten Reliefs und Statuen systematisch erfassen und veröffentlichen soll. Der Vortrag soll deutlich machen, wie bedeutsam dieser Grabbezirk ist, die Geschichte des Monuments darlegen sowie einen ersten Einblick in die nun angelaufenen Arbeiten wie auch die anstehenden Fragen liefern.

19. Mai 2014

Prof. Dr. Christiana Köhler (Universität Wien)

"Die Grabungen in Helwan und die Entstehung des frühdynastischen Memphis"

Abstract: Der frühdynastische Friedhof von Helwan liegt auf dem östlichen Ufer des Nils, direkt gegenüber der Stufenpyramide des Djoser in Saqqara. Der Fundort ist schon seit dem frühen 20. Jahrhundert bekannt, vor allem durch die Ausgrabungen des ägyptischen Archäologen Zaki Saad, der hier mehr als 10.000 frühe Gräber freilegte. Seit 1997 werden durch die Macquarie University Sydney und die Universität Wien moderne archäologische Arbeiten durchgeführt, um diesen wichtigen Fundort besser verstehen zu können und umfassend zu publizieren. Dabei hat sich herausgestellt, dass dies nicht irgendein Friedhof war, sondern während der 1. bis 4. Dynastie (ca. 3100-2600 v.Chr.) der Hauptfriedhof der breiten Bevölkerung von Memphis, der ersten Hauptstadt des pharaonischen Staates. Die sich hier befindenden Gräber erlauben daher sowohl wertvolle Einblicke in frühzeitliche Begräbnissitten und die Bioarchäologie dieser Bevölkerung, als auch in die Identitäten, materielle Kultur, soziale Struktur und Organisation dieser Bevölkerungsgruppen. In dem Vortrag werden die neuesten Ergebnisse der Arbeiten vorgestellt.

13. Januar 2014

Prof. Dr. Christian Leitz (Universität Tübingen)

"Der Tempel der Löwengöttin Repit in Athribis"

Abstract: Der Vortrag berichtet über ein seit 10 Jahren laufendes Großprojekt der Universität Tübingen zur Publikation des Repittempels von Athribis. Athribis liegt auf dem Westufer des Nils etwa 15 km südwestlich von Sohag, der heutigen Provinzhauptstadt. In altägyptischer Zeit gehörte der Ort zum 9.o.äg. Gau, dessen Hauptstadt Achmin war. Das wichtigste Bauwerk dort ist der von Ptolemaios XII. begonnene und mehreren römischen Kaisern fertiggestellte Tempel der Repit und des Min. Das besondere an diesem Bauwerk ist nicht zuletzt die Tatsache, dass gut ein Viertel der gesamten Anlage noch nicht ergraben ist, was bei keinem anderen der großen ptolemäischen Tempel der Fall ist, die alle schon am Ende des 19. Jahrhunderts vom Schutt befreit wurden. Der Vortrag gibt einen Überblick zur Dekoration der Gesamtanlage, zu den einzelnen wissenschaftlichen Arbeiten und nicht zuletzt zu den aktuellen Fortschritten der Freilegung.

12. November 2013

Dr. Heidi Köpp-Junk (Universität Trier)

"Reisen zur Zeit der Pharaonen - Mobilität, Transport und Verkehr im Alten Ägypten"

Abstract: Mobilität ist ein zentrales Thema in der modernen Welt - doch wie sah es damit im Alten Ägypten zur Zeit der Pharaonen aus? Wer begab sich überhaupt auf Reisen, wie reiste Pharao, wie reisten die einfachen Menschen? Welche Gefahren drohten unterwegs? Reiste man aus ökonomischen Gründen oder zum Vergnügen?

Im Zusammenhang damit werden die Fortbewegungs- und Transportmittel vorge-stellt, die zum Reisen genutzt wurden - vom Schlitten der Pyramidenbauer bis zu den Streitwagen und Sänften der Pharaonen.

02. Juli 2013

Prof. Dr. Susanne Bickel (Universität Basel)

"Nicht nur Pharaonen. Neue Forschungen im Tal der Könige"

Abstract: Seit 2008 erforscht das University of Basel Kings Valley Project die nichtköniglichen Grabanlagen im Seitental des Tals der Könige, das zum Grab Thutmosis’ III. führt. Mehrere dieser undekorierten Anlagen werden erstmals wissenschaftlich untersucht und liefern daher neue Informationen bezüglich ihrer architektonischen Beschaffenheit und der Chronologie ihrer Nutzung. Zahlreiche meist fragmentarisch erhaltene Artefakte weisen auf die hohe soziale Stellung der hier bestatteten Personen hin. Die unerwartete Entdeckung eines neuen Grabes 2011/2012 gewährte einen präzisen Einblick in die bewegte Geschichte des Tals der Könige. Das Einkammergrab KV 64 enthielt die intakte Bestattung einer Dame aus Priesterkreisen der 22. Dynastie sowie Überreste der antik beraubten Bestattung der 18. Dynastie, die wohl einem Mitglied der Königsfamilie zugeschrieben werden kann.

07. Mai 2013

Prof. Dr. Harco Willems (Katholische Universität Leuven)

"Tempelverwaltung und Vetternwirtschaft in der 5. Dynastie"

Abstract: Etwa 2 km südlich von Tihna al-Jabal/Akoris in Mittelägypten befindet sich eine Gruppe von Felsgräbern bzw. Mastabas, die Anfang des 20. Jahrhunderts von George Willoughby Fraser kurz dokumentiert wurden. Vor allem die Texte in den beiden Gräbern des Nikaanch haben einiges Interesse auf sich gezogen. Aber weil die Gräber bis heute unveröffentlicht sind, und Sethe die Inschriften in Urkunden I in einer völlig anderen Reihenfolge publiziert hat als sie tatsächlich über die Grabwände verteilt sind, ist ihre Interpretation sehr schwierig. Tatsächlich haben die meisten Bearbeiter sich nur auf einen Text konzentriert und dadurch den Gesamtzusammenhang völlig missverstanden.

Beide Gräber sind mit Verfügungen beschriftet, die sich auf die Vermögensverhältnisse in Nikaanchs Familie beziehen. Als Nikaanch sein erstes Grab - vermutlich sehr früh in der 5. Dynastie - erbaute, war er nur Priester am lokalen Hathortempel in Ra-inet. Nach seiner Ernennung zum Priestervorsteher am selben Tempel ordnete er ein zweites und üppiger dekoriertes Grab an. Es lässt sich zeigen, dass die Texte im älteren Grab nur seinen persönlichen Besitz betreffen und insbesondere, wie er diesen nach seinem Tode unter einigen seiner Söhne zu verteilen gedenkt. Im späteren Grab finden sich dann neue Verfügungen, denen zufolge der Familienbesitz nach anderen Kriterien verteilt wird. Hier ist augenfällig, dass die Grenzen zwischen Familienbesitz und Tempeleigentum arg verschwommen geraten. Diese Texte bieten so einen einmaligen Einblick in eine Form institutioneller Verwaltung, die nach modernen europäischen Ansichten schlicht korrupt anmutet.

19. Februar 2013

Lesung:

"Die altägyptische Lebensgeschichte des Sinuhe"

Einführung:
Univ.-Prof. Dr. Ursula Verhoeven-van Elsbergen
(Johannes Gutenberg-Universität Mainz)

Sprecher:
Verena Bukal, Christoph Türkay (Staatstheater Mainz)

Abstract zur Lebensgeschichte des Sinuhe (Ägypten ca. 1875 v. Chr.):
Das altägyptische Literaturwerk mit der Lebensgeschichte des Sinuhe wurde ca. 1875 v. Chr. konzipiert und ist auf vier Papyri des Mittleren Reiches überliefert. Spätere Kopien zeigen, dass es über 750 Jahre lang als Klassiker der Schul- und Unterhaltungsliteratur galt. Autographisch erzählt der königliche Gefolgsmann und Ha-remsdiener Sinuhe, wie er aufgrund politischer Unruhen das Land verlässt und bis ins hohe Alter als angesehener Fürst im Gebiet Syrien/Palästina lebt und wie er wie-der an den Hof nach Ägypten zurückkehrt.

Die spannend und emotional geschilderten Erlebnisse werden von zwei Schauspie-lern des Staatstheaters Mainz in einer wörtlichen Übersetzung des Originals gelesen. Vorab wird eine Einführung die Quellen und das Werk kurz vorstellen.

30. Oktober 2012

Univ.-Prof. Dr. Tanja Pommerening (Johannes Gutenberg-Universität Mainz)

"Geheimwissen im Alten Ägypten"

Abstract: Altägyptische Objekte und Denkmäler weisen eine Anziehungskraft auf, der sich viele Menschen nicht entziehen können. Dabei ist es oft nicht nur die ästhetische Gestaltung der Objekte oder die Monumentalität der Baudenkmäler, sondern auch das Geheimnisvolle dieser jahrtausendealten Kultur, das fasziniert. Bereits griechische und römische Quellen lassen Ägypten als Land des Zaubers und des Geheimwissens erscheinen. Doch der Zugang zu altägyptischen Texten und somit zu einem quellenbasierten Verständnis der Kultur und eben auch ihrer Geheimnisse blieb bis zur Entzifferung der Hieroglyphen 1822 durch Champollion verwehrt. Inzwischen aber lässt sich fragen: Welches Wissen galt aus altägyptischer Perspektive als Geheimwissen? Wer hatte Zugang und wie wurde es überliefert? Der Vortrag nimmt dabei im Besonderen die altägyptische Heilkunst in den Blick.

02. Juli 2012

Dr. Lutz Popko (Universitäten Leipzig/Mainz)

"'Fasse Mut, o König Mencheperre!' - Thutmosis III. im Spiegel seiner Nachwelt"

Abstract: Thutmosis III. gilt als großer Feldherr und Vertreter der weltoffenen und ritterlichen Welt des frühen Neuen Reiches, als aktiver Politiker, als ideenreicher Förderer der Architektur und Kunst, kurzum: als einer der größten Pharaonen Ägyptens. Wie kaum ein Pharao vor und nach ihm ist er Teil des kulturellen Gedächtnisses der Ägypter geworden und hat zu einer Rezeption angeregt, deren Zeugnisse sich mehr als eineinhalb Jahrtausende verfolgen lassen. Man denkt hier zunächst an die soge-nannten Mencheperre-Skarabäen, die mit seinem Thronnamen beschrieben sind. Anders als es ihre große Zahl vermuten lässt, spiegeln sie aber nur einen Teil des Andenkens wider. Es lohnt sich daher, einige der anderen Elemente der Tradierung einmal genauer anzuschauen, vorrangig seine Rolle als literarische Figur. Dabei soll aber nicht nur interessieren, wo sich Reminiszenzen finden, sondern auch, woran und weswegen sich die Ägypter an ihren „Napoleon” erinnerten.

22. Mai 2012

Dr. Francis Breyer (Universität Basel)

"Punt - Die Suche nach dem Gottesland"

Abstract: Die Suche nach dem Lande Punt, welches uns ausschließlich aus altägyptischen Quellen bekannt ist, hat die Ägyptologie seit ihrem Bestehen beschäftigt. Trotz dieser intensiven Auseinandersetzung scheint man in den letzten 150 Jahren kaum einen Schritt der Lokalisierung weitergekommen zu sein. Mal wurde die Region auf der Arabischen Halbinsel vermutet, mal am Horn von Afrika und sogar in Zimbabwe oder Mauretanien. Je nach Zeitströmung wurden die relativ wenigen aussagefähigen Quellen unterschiedlich interpretiert, weswegen es sich lohnt, den gesamten Themenkomplex auch forschungsgeschichtlich zu beleuchten. Hinzu kommt, dass sich heute völlig andere Fragestellungen anschließen: Die moderne Forschung möchte nicht mehr einfach nur wissen, wo Punt lag, sondern auch, wie die Puntiten lebten, ob ihre Kultur archäologisch fassbar ist, wie Punt von den Ägyptern „propagandistisch” vereinnahmt wurde etc. Dabei haben die bislang nie umfassend bearbeiteten Bild- und Textzeugnisse einige Überraschungen parat: So kann gezeigt werden, dass die „Punthalle” im Totentempel der Hatschepsut in Deir el-Bahri wahrscheinlich auf Vorlagen aus dem Alten Reich zurückgeht. Unter Einbeziehung der neuesten Grabungen am Horn von Afrika und in Marsa Gawasis (dem ägyptischen Hafen für die Puntfahrten) soll versucht werden, ein differenzierteres Bild von Punt zu entwerfen als bislang geschehen.

18. Januar 2012

Dr. Marcus Müller (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn)

"Dem Tod die Stirn bieten. Aktuelle Ergebnisse und Perspektiven der Totenbuchforschung"

Abstract: Seit der Geburt der Ägyptologie Anfang des 19. Jahrhunderts, maßgeblich angestoßen durch die Napoleonische Expedition in Ägypten und die Entzifferung der Hieroglyphen durch Jean-Francois Champollion, werden Totenbücher publiziert, übersetzt, analysiert. Nach 200 Jahren Forschung und Publikations-tätigkeit sollte die Vielfalt der Manuskripte bekannt, die Übersetzungen sicher und die wichtigsten Fragen an die Totenbücher beantwortet sein. Leider kann keine der drei Annahmen bestätigt werden. Denn die Manuskripte sind so individuell und zahlreich, dass es sogar schwer fällt, sich auf einige wenige zu beschränken. Und auch wenn sich Ägyptologen berechtigt gegen die populäre Meinung wehren, die Hieroglyphen seien noch immer nicht ausreichend entziffert und übersetzbar, so trifft dies zumindest für das Verständnis der funerären Texte oftmals leider zu. Letztlich sind viele Fragen beispielsweise hinsichtlich der Produktion der Manuskripte, der lokalen Traditionen oder der Einfluss der Stellung des Besitzers für die Ausführung des Totenbuchs noch unzureichend beantwortet.Der Vortrag möchte für die beschriebene Situation sensibilisieren, auf der Basis aktueller Forschungsergebnisse den Stand der Wissenschaft vorstellen und Perspektiven für künftige Untersuchungen aufzeigen.

03. November 2011

Prof. Dr. Friederike Seyfried (Ägyptisches Museum Berlin)

"Das andere Gestirn von Achet-Aton - Gedanken zum 'Mond' in der Amarnazeit"

Abstract: Neben der allumfassenden Präsenz des Sonnenlichts in Gestalt des Gottes Aton in der Amarna-Zeit lohnt es sich, der Bedeutung des nächtlichen Gestirns, des Mondes, während dieser Epoche nachzuspüren. Der Vortrag geht von kleinen Mond-Amuletten und Schmuckanhängern aus, die aus Tell el-Amarna stammen und spannt den Bogen weiter bis in die Regierungszeit des Tut-anch-Amun, die wie keine andere dem Mond und dem Gott Thot eine herausragende Rolle zumisst.

21. Juni 2011

Prof. Dr. Regine Schulz (The Walters Art Museum, Baltimore, USA)

"Der unbekleidete Grabherr - Gedanken zur 'Nacktheit' in der bildlichen Kunst des Alten und Mittleren Reiches"

Abstract: Das Abbild des unbekleideten menschlichen Körpers spielte in der altägyptischen Kultur eine nicht unbedeutende Rolle. Dabei spielt die Bedeutung von Nacktheit eine etwas andere Rolle als in vergleichbaren antiken Kulturen und steht z. B. nicht für Göttlichkeit oder Heldentum wie in der griechischen Antike. Die Darstellung des unbekleideten Grabherrn ist ein besonderes Phänomen, das zuerst in der späten 5. Dynastie auftritt und im Mittleren Reich wieder aufgegeben wird. Dabei handelt es sich nicht um Darstellungen des Grabherren als Kind, sondern als Jugendlicher oder Erwachsener. Der Vortrag stellt die verschiedenen bildlichen Varianten vor und beschäftigt sich mit den Beweggründen für die Einführung und spätere Wiedergabe des Statuentypus. Darüber hinaus wird das Bedeutungsspektrum von „Nacktheit” auf bild- und textlicher Ebene in Ägypten näher untersucht, um dadurch eine Interpretation des Statuentypus zu ermöglichen.

12. Mai 2011

Dr. Dietrich Raue (Universität Leipzig)

"Die Zeit rast (- aber wie schnell?) - Ägyptische und nubische Kulturentwicklung im 3. Jahrtausend"

Abstract: Zum Handwerk der Altertumswissenschaften gehört die chronologische Einordnung von Objekten der unterschiedlichen Sphären des antiken Lebens. Stile, Gefäßformen, technologische Details - sie sind grundsätzlich alle Ausschnitte von Entwicklungen, und sei es „nur” auf morphologischer Basis. Die altägyptische Kultur ermöglicht aufgrund der enormen Dauer von mehreren Jahrtausenden die Möglichkeit, das Tempo dieser Veränderungen zu thematisieren und die sozialen und politischen Hintergründe derartiger Veränderungen zu beleuchten. Die Fallbeispiele stammen hierbei vor allem aus dem 3. Jahrtausend v. Chr.: Wie schnell verändert sich die materielle Welt vor und nach den größten Pyra­midenprojekten? Zur Illustration der Phänomene ist der Vergleich mit der südlichen Nachbarkultur Nubiens aufschlussreich. Andere ökologische und soziologische Fak­toren führen hier zu einer kontemporären aber unterschiedlichen Parallelwelt. Die unterschiedliche Geschwindigkeit der Kulturen trifft in den politischen Konflikten beider Kulturen im 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. aufeinander.

18.01.2011

Festvortrag anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Freundeskreises Ägyptologie

Prof. Dr. Dietrich Wildung (ehemaliger Direktor des Ägyptischen Museums Berlin)

"Die Amarna-Epoche - eine historische Panne?"

Abstract: Ist die monotheistische Theologie der Amarnazeit das Werk eines Revolutionärs oder das Ergebnis einer langen Entwicklung? Die vielen kontroversen Antworten auf diese Frage unverminderter Aktualität lassen unberücksichtigt, dass König Echnaton, die Zentralfigur des „exklusiven Monotheismus”, nur deshalb die Möglichkeit hatte, seine religiösen Visionen zur Staatstheologie zu erheben, weil der Kronprinz Thutmosis früh verstarb und damit die Thronfolge an seinen jüngeren Bruder Amenophis/Echnaton fiel. Was wäre gewesen, wenn in der altägyptischen Königsliste hinter Amenophis III. dessen Erstgeborener Thutmosis ("V.") stünde? Keine Stadtgründung in Amarna? Keine Königin Nofretete? Kein neuer Kunststil? Und kein Massenansturm auf das Berliner Ägyptische Museum? Historische Fakten und historiographische Fiktion verbinden sich auf der Basis wenig bekannter Originalquellen zu einer kritischen Revision der wohl interessantesten Phase der altägyptischen Geschichte.

03.11.2010

Prof. Dr. Joachim Quack (Universität Heidelberg)

"Neue Quellen zu Imhotep und seiner Verehrung"

Abstract: Imhotep gilt in der Ägyptologie als Musterfall eines vergöttlichten Menschen, auch wenn er angesichts der Quellen eher als atypisch gelten muss. Bekannt ist, dass er unter König Djoser gelebt hat; spätere Texte nennen auch seine Mutter und Schwester. Er wird als Architekt des Djoser-Komplexes vermutet; spätere Quellen schreiben ihm ein Handbuch über den Tempel zu. Speziell die nicht zeitgenössischen Quellen zeigen Imhotep generell als bewandert in der Medizin und den arkanen Bereichen, so auch der Astrologie. Bislang hat man den Beginn der Divinisierung gern in die 26. Dynastie gelegt, ein ramessidisches Zeugnis geht schon in dieselbe Richtung. Im Vortrag sollen die Bereiche von Leben und Familie des Imhotep, Kompetenz in Architektur, Medizin und Astrologie anhand neuer, weitgehend unpublizierter Quellen neu unter die Lupe genommen werden, wobei sich zeigen wird, inwieweit sie auch manche der schon länger bekannten in einem neuen Licht erscheinen lassen.

16.06.2010

Prof. Dr. Dieter Kessler (LMU München)

"Tuna el-Gebel - Der Tierfriedhof und sein Umfeld"

Abstract: Ein Tierfriedhof ist seit der Zeit nach Alexander dem Großen in jedem größeren ägyptischen Friedhofsareal nachzuweisen. Er war Teil einer im ganzen Lande durch den Staat vereinheitlichten Kultlandschaft mit ihren regelmäßigen Festprozessionen zwischen Metropole (hier Hermopolis Magna) und Friedhofsbereich (hier Tuna el-Gebel mit Tempeln des Urgottes Thot und des Osiris). An die jährlichen Vorgänge der Verjüngung und Wiederauferstehung im jeweiligen Osireion war der „Ruheplatz der Götter”, d.h. der ägyptische Tierfriedhof mit seinen Millionen von Tiermumien-Göttern, angeschlossen. Neuere Grabungen in Versorgungsbauten außerhalb des Tierfriedhofs zeigen, dass hinter der Erweiterung der Tierfriedhöfe ein enormer ökonomischer Nutzen für den Staat stand. Er hat viele neue Kultstellen (mit neuen Göttern!) als eigene Priesterstellen eingerichtet und verkauft. Die Inhaber der Posten standen unter der Kontrolle der großen überregionalen staatlichen Institutionen (in Tuna die des Gottes Lebender-Ibis). Dazu gehört auch die deutliche Erweiterung der Zahl der Aufzuchtplätze heiliger Tiere. Von ihnen gelangten alle dort aufgelesenen Überreste heiliger Tiere nach ihrer Vergottung auf direktem Wege in die Tierfriedhöfe. Große Bevölkerungsgruppen waren als „zahlende Mitglieder” der jeweiligen Gemeinschaften für den Unterhalt der Kultstellen eingeschrieben und verpflichtet.

03.05.2010

Prof. Dr. Olaf Kaper (Universität Leiden)

"Ein Tempel für Thot in der Oase Dachla - Neueste Ergebnisse der Grabung in der Stadt Amheida"

Abstract: Seit 2003 werden in Amheida, im Westen der Oase Dachla, durch ein internationales Team unter Prof. Roger Bagnall Grabungen ausgeführt. Bisher wurden eine Villa aus spätrömischer Zeit mit interessanten Malereien, ein römisches Badehaus und ein Tempel für den ägyptischen Gott Thot entdeckt. Letzterer war leider zerstört, aber mehr als 800 Reliefblöcke und Fragmente konnten bisher gefunden werden. Es hat sich gezeigt, dass der Tempel in der 23. Dynastie errichtet und unter den Königen der 26. Dynastie, vor allem unter Amasis, erneuert wurde. Die Reliefs zeigen den König und die lokalen Götter. Die Herrscher Titus und Domitian führten einen weiteren Neubau aus. Die Reliefs des Tempels sollen in einem speziell dafür errichteten Gebäude nicht weit von ihrem bisherigen Standort restauriert werden. In diesem Vortrag werden die neu entdeckten Reliefs und ihre Bedeutung für unser Wissen über die Oase Dachla gezeigt.

19.01.2010

Dr. Carola Vogel (Universität Mainz)

"Die Schlacht von Megiddo - Thutmosis' III. Kampf um Syrien und Palästina"

Abstract: Im Herzen des Amun-Tempels von Karnak in Luxor, im sog. "östlichen Annalensaal", hat sich eine historisch bedeutsame Inschrift erhalten, die uns über eines der berühmtesten militärischen Ereignisse der Weltgeschichte informiert: die Schlacht von Megiddo. Der in Form eines Tagebuches verfasste Text berichtet minutiös von den kriegerischen Unternehmungen des Pharao Thutmosis' III., die dieser unmittelbar nach seiner realen Machtübernahme durchführte. Nach 22 langen Jahren im Schatten seiner Tante, der Königin Hatschepsut, bot deren Tod die willkommene Gelegenheit, sich endlich als Realpolitiker zu beweisen. Nicht weniger als 17 Feldzüge sind überliefert, die den Pharao aus handfesten ökonomischen wie machtpolitischen Interessen nach Syrien/Paläs­tina führten. Doch es ist gleich sein erstes Unterfangen, der Kampf gegen eine Koalition aus 330 Stadtstaaten unter der Führung des Fürsten von Kadesch (1457 v. Chr.), das sich im Gedächtnis der Nachwelt erhalten sollte. Der Vortrag zeichnet die Etappen des ersten Feldzuges Thutmosis' III. nach und folgt den Truppen des Königs von der ägyptischen Grenzfestung Tscharu (Tell Habua I) über die Mittelmeerküste Richtung Norden bis hin zum Ort des Aufeinandertreffens der feindlichen Armeen bei Megiddo (Tell el-Mutesellim). Hier kontrollierte die strategisch gut gelegene Stadt eine der wichtigsten Militär- und Handelsrouten ihrer Zeit, die Via Maris, die Ägypten mit Syrien, Anatolien sowie Mesopotamien verband. Zur historischen Bewertung des Geschehens werden neben der schriftlichen Überlieferung aktuelle archäologische Forschungen und die Topographie vor Ort, d.h. die Region des Karmel-Gebirges und die Jesreel-Ebene im Norden Israels, berücksichtigt.